zurück zur Eingangsseite                                           zurück zum Autor

Das Gänseliesel

Erdacht und aufgeschrieben von
Hans - A. Piper

Illustriert von
Theresa Patzschke

Es war einmal eine arme junge Magd von Liebreiz, Anmut und Ebenmaß. Sie wurde von jedermann Gänseliesel gerufen, weil sie bei einem Grafen in Diensten stand, dessen Gänse sie hütete. Der Graf lebte mit seiner Familie auf einer herrschaftlichen Burg, die ein edles Geschlecht vor langer Zeit errichten ließ. Sie lag hoch oben über einer fruchtbaren Ebene auf einem Berg. Ihr schlanker Turm ragte stolz in den Himmel hinauf und ihre wehrhaften Mauern hatten schon manchem Feind getrotzt.

Die Gräfin hatte ihrem Gemahl zwei Kinder zur Welt gebracht, einen stattlichen Sohn und eine häßliche Tochter. Ihr Mann, hoch gewachsen und von vornehmem Charakter, wurde von allen geliebt und verehrt, weil er seine Macht über die Gegend stets gerecht und mit Milde ausübte. Zum Regieren fühlte er sich eigentlich nicht geboren, denn er neigte zur Schwermut. Seine Liebe galt mehr der Musik und den schönen Künsten, weswegen er selbst auch viele Lieder und Verse schrieb. Sie werden noch heute gerne erwähnt und gelobt, obwohl nur wenige Menschen sie wirklich verstanden haben. Manchmal, wenn der Graf von trüben Stimmungen geplagt wurde, ging er gedankenverloren in seinem Garten auf und ab, wo die schönsten Blumen im ganzen Land wuchsen, die ihn trösteten. Besonders liebte er jene Arten, die in zartblauen Farbtönen blühten.

Die Gräfin war von völlig anderer Art als ihr Mann. Zwar gab sie sich stets freundlich, mitfühlend und liebevoll, aber das war nur Schein und Berechnung. In Wirklichkeit trug sie ein kaltes, böses Herz in ihrer Brust. Deswegen wurde sie vom Volk hinter vorgehaltener Hand auch Böselieb genannt. Im Gegensatz zu ihrem stillen Mann hatte sie Freude am Bogenschießen, Fechten und hitzigen Kampfspielen. Mehr als alles andere erfreuten sie wilde Reiterspiele, die der Graf ihretwegen jedes Jahr auf dem Turnierplatz am Fuße der Burg ausrichten ließ. An manchen Tagen, wenn ihr danach war, befahl Böselieb ihrem Knecht, für sie den schnellsten Rappen aus dem Stall holen. Auf ihm ritt sie dann nachts zur Jagd, um Wildschweine zu schießen. Deren würziges Fleisch, am Spieß gebraten, aß sie mit besonderer Vorliebe und Gier. Aus den Stoßzähnen der erlegten Keiler fertigte ihr ein Goldschmied eine kostbare Kette, die im Laufe der Jahre immer länger und schwerer wurde.

Vom Turmzimmer der Burg aus konnte der Blick weit hinaus über das Land schweifen. Ein klarer Fluß schlängelte durch die Ebene, in den umliegenden Dörfern und Ländereien gedieh das Vieh und auf den Feldern reiften gesundes Obst, Gemüse und Korn heran. Bei klarem Wetter konnte man in der Ferne die Umrisse eines rauhen Gebirges erkennen und bis zu den Mauern und Kirchtürmen einer kleinen Stadt sehen, die der Herrschaft des Grafen unterstand. Dort lebten zumeist redliche Bürger, die ihren Lebensunterhalt mit Handwerk, Handel und anderen nützlichen Tätigkeiten verdienten.

Vor allem die schmackhaften Würste, von den Metzgern jener Gegend täglich in großer Zahl auf Schweinedärme gezogen, genossen im ganzen Land Ansehen. Wie auch zahlreiche Herden von fetten Gänsen, die vor den Toren der Stadt auf saftigen Wiesen prächtig gediehen. Jedes Jahr, zum Tag des Heiligen Martin, schlachtete und briet man sie. Jeder, der es sich leisten konnte, verspeiste dann ein solches Federvieh.

Neben einfachen Bürgern, Würsten und Gänsen gab es auch Gelehrte in der Stadt, zu denen Studenten von weither anreisten, um sich von ihnen in allerlei Wissenschaften unterweisen zu lassen. Diese hoch geachteten Herren waren bei all ihrem Wissen ein zuweilen wunderliches, ja schrulliges Völkchen. Einer von ihnen brachte sich sogar um, weil er in einen fernen Stern am nächtlichen Himmel verliebt war. Ein anderer, zwergwüchsig von Geburt und mit einem Buckel gestraft, aber mit geschliffenem Verstand ausgestattet, rächte sich für sein Schicksal durch scharfzüngige Reden. Sein Spott war gefürchtet. Viele seiner Aussprüche sind bis zum heutigen Tag überliefert.

Hin und wieder kam es in der Stadt zu öffentlichen Ärgernissen, wenn gewisse Studenten, von Übermut getrieben, das friedfertige Zusammenleben durch Raufereien, Trinkgelage und freche Sprüche gegen die Obrigkeit in Verruf brachten. Hitzköpfe unter ihnen trieben es manchmal so weit, daß man sie aus der Stadt weisen mußte. Selbst die Gelehrten zeigten nicht zu allen Zeiten den gebotenen Gehorsam. Einige, es sollen sieben an der Zahl gewesen sein, wurden sogar vom König für Jahre mit dem Bann belegt, weil sie öffentlich gegen den Adel des Reiches aufmuckten. Auch Zwietracht unter den Gelehrten selbst stiftete gelegentlich Unruhe. Manch einer von ihnen neidete es dem anderen, daß dieser besonders gescheit und erfolgreich war, wodurch Intrigen und Mißgunst entstanden. Im großen und ganzen gab es jedoch keinen Schaden dadurch. Daher konnte sich die Stadt durch Fleiß, ihrer Würste und Gänse wegen und nicht zuletzt durch Gelehrsamkeit zu einem geachteten Gemeinwesen entwickeln.

Die Jahre gingen dahin, der Graf alterte. Weil ihn zudem die Schwermut immer stärker im Griff hielt und alle Regierungsgeschäfte darunter litten, dachte er daran, seine Nachfolge zu regeln. Er besprach die Angelegenheit mit seiner Frau. Böselieb erfreute das, denn sie sah die Zeit gekommen, um einen seit langem von ihr gehegten Plan in die Tat umzusetzen. Sie liebte nämlich ihre häßliche Tochter über alles, weil diese der Mutter aufs Wort hörig war. Ihren Sohn dagegen, der eher dem Vater ähnelte, verachtete sie. Daher trachtete Böselieb danach, das junge Mädchen mit einem fremden Grafen zu vermählen, um sich durch diese List selbst mit an die Herrschaft zu bringen.

"Weißt du, meiner lieber Gemahl", sprach sie eines Abends zum Grafen und streichelte ihn dabei zärtlich, "das Herz wird mir schwer bei dem Gedanken, daß unser zarter Sohn, der noch unerfahren und allzu jung an Jahren ist, eines Tages die Bürde der Regentschaft tragen soll." Während sie sprach, rannen ihr ein paar falsche Tränen über die Wangen. "Auch macht es mir Sorgen", fuhr sie fort, "daß er in jüngster Zeit den falschen Mädchen nachstellt. Also jenen aus niederem Stand. Das schadet dem Ansehen eines zukünftigen Regenten und macht ihn zum Gespött seiner Untertanen."

"Mit wem treibt er es denn?", wollte der Graf wissen.

"Nun", seine Frau zögerte eine Weile, bevor sie weitersprach, "er soll letzte Nacht im Heu gesehen worden sein. Mit diesem Liesel, unserer Gänsemagd!"

"Hm, - mit dem Gänseliesel? Ein hübsches Ding ist sie ja schon, und blutjung dazu. Der Bursche hat einen guten Geschmack. Trotzdem, du hast Recht, er darf sich nicht wegwerfen. Ich werde ihn bei nächster Gelegenheit zur Rede stellen. Damit dürfte die Sache erledigt sein."

"Nein, sprich ihn lieber nicht darauf an", meinte die Gräfin nun. "Der Junge würde sicherlich leugnen, so daß es zum Streit zwischen euch käme, woran ich auf keinen Fall schuld sein möchte. Warten wir zunächst ab, gewiß wird sich sein erhitztes Blut von selbst wieder beruhigen. "

"Nun, wir werden sehen", meinte der Graf, dem das Gespräch lästig wurde. "Auf jeden Fall kann es nur einen einzigen Nachfolger für mich geben, und das ist unser treuer Sohn. Nach Recht und Tradition bleibt gar keine andere Wahl, obwohl auch mir bewußt ist, daß es ihm an Weitsicht und Durchsetzungskraft mangeln könnte. Aber weil das Volk ihm Achtung und Ehrfurcht entgegenbringt, was das Wichtigste für einen Fürsten ist, wird er keine Not haben."

"Aus tiefer Sorge um unser liebes Kind wüßte ich einen Ausweg", gab Böselieb zu bedenken, denn sie wollte ihren geheimen Willen um jeden Preis durchsetzen.

"Erkläre dich", forderte der Graf sie auf.

"Unsere herzensgute Tochter ist ein kluges Kind, und noch dazu weiß sie genau, was sie will. Ich kenne einen noblen jungen Adelsmann, dem es an nichts mangelt. Er ist reich und genießt überall Ansehen, selbst beim König. Ich könnte es einfädeln, daß sie ihn zum Manne bekommt. Freilich müßte schnell gehandelt werden, bevor eine andere Jungfer nach ihm greift. Durch diese Heirat ließe sich alles in einem guten Sinne regeln. Unsere Tochter wäre unter der Haube, und dein Schwiegersohn könnte dich eines Tages würdig ersetzen."

"Schweig", antwortete der Graf verärgert. "Ich will nichts mehr von der Sache hören. So lange mein Sohn lebt, gebührt ihm allein der Anspruch auf meine Nachfolge." Danach ging er hinaus in seinen Garten, um sich des Anblicks der blauen Blumenpracht zu erfreuen.

Böselieb aber rannte enttäuscht auf ihr Zimmer, wo sie über die letzten Worte des Grafen nachsann. Wenn also ein Unglück mit meinem Sohn geschehen würde, dachte sie, und er tot oder wenigstens für einige Zeit verschollen wäre, dann müßte mein Mann in die Hochzeit der Tochter einwilligen. Weil sie eine Frau von schnellen Entschlüssen war, schmiedete sie noch am selben Tag einen Plan. Abends, als der Mond am Himmel stand, ließ sie ihren schnellsten Rappen satteln, nahm aus Vorsicht ein Gewehr zu sich, und ritt tief in den Wald hinein. Dort, wo die Bäume am finstersten standen und der Uhu schrie , wußte sie eine weise Frau. 

Diese galt auch als Hexe, obwohl sie im Grunde ihres Herzens nicht wirklich böse war. Gegen Mitternacht erreichte Böselieb ihr Ziel."Gutes Weib", sprach Böselieb zu der Alten, "große Not treibt mich nachts zu dir. Mein Mann, der Graf, ist ein edler Mensch, wie jeder bezeugen wird. Leider hat sich sein Gemüt in letzter Zeit verwirrt, er geht finsteren Gedanken nach. Vor wenigen Stunden erfuhr ich von seinem Plan, daß er unseren lieben Sohn morgen hängen lassen will. In seinem Wahn glaubt mein Mann, der Junge trachte ihm nach dem Leben. Wenn ich den Grafen nicht mehr umstimmen kann, was sehr ungewiß ist, dann muß der Unschuldige bei Sonnenaufgang sein Leben lassen. Strick und Galgen warten bereits auf ihn. Sieh mich an, Weib, ich bin verzweifelt!"

"Wie soll ich Ihnen helfen, Gräfin?", fragte die Hexe.

"Schütze das unschuldige Leben meines Sohnes, indem du ihn in eine Gans verwandelst. In der Herde auf den Wiesen vor unserer Burg hat er Pflege und ein gutes Auskommen. Er soll ja nicht für die Ewigkeit verwunschen bleiben, sondern nur so lange, bis mein Mann wieder bei klarem Verstand ist und dem Jüngling nicht mehr nach dem Leben trachtet."

"In eine Gans soll ich ihn verwandeln? Was für ein seltsamer Wunsch!"

"Seltsam schon, aber von mir mit Liebe durchdacht", antwortete die Gräfin. "Denn wir haben eine brave Magd, die unser Federvieh hütet. Jeder nennt sie das Gänseliesel. Das junge Blut verlor beide Eltern durch die Pest, seitdem halten wir das Mädchen wie unser eigenes Kind. Es wird Tag und Nacht Sorge für den Verwunschenen tragen, so daß ihm nicht das geringste Leid geschieht. Erst wenn alle Gefahr vorbei ist, soll mein Sohn seine wahre Gestalt wiedererlangen."

"Blickt mir zunächst tief in die Augen, Gräfin!", forderte die Alte.

"Warum das?", wollte Böselieb wissen.

"Weil ich Euch ins Herz schauen will!"

"Durch die Augen ins Herz sehen, wie mag das gehen?", wollte Böselieb wissen.

"Ich weiß genau, wovon ich rede", meinte die Alte barsch.

Zögernd kam Böselieb nun dem Verlangen der Hexe nach und hielt ihren forschenden Blicken zitternd stand. "Nun gut", sagte die Hexe nach eingehender Prüfung, "reitet getrost zurück, Euer Wunsch ist bereits in Erfüllung gegangen. Aber bedenkt bitte folgendes: Wie Ihr wißt, kommt bald der Tag des Heiligen Martin, wo alle Gänse geschlachtet, gebraten und anschließend verspeist werden. Damit der Metzger Eurem Sohn nicht den Hals abschlägt, habe ich ihn gekennzeichnet. Er trägt als Gans ein schmales weißes Band um den rechten Fuß. Daran werdet Ihr ihn erkennen. Tut alles, damit ihm kein Unglück widerfährt. Vor allem darf ihn der Fuchs nicht erwischen, sonst würde ein Fluch über die Burg und das ganze Land kommen."

Laß sie nur reden, dachte die Gräfin im Stillen, versprach alles, dankte der Hexe mit einer Münze aus falschem Gold und ritt in die Nacht hinaus davon. Als sie am nächsten Morgen auf der Burg ankam und nach ihrem Sohn rief, konnte ihn niemand finden. "Macht Euch keine Sorgen, Gräfin", tröstete sie ein Diener. "Er ist wohl zur Jagd oder in die Stadt geritten und wird gewiß bald zurück sein." Böselieb jedoch wußte es besser: Der Zauber hatte tatsächlich gewirkt, weswegen Freude in ihrem Herzen aufkam. Nachdem sie ein wenig geruht hatte, ging sie durch das Burgtor hinaus zur Wiese, wo Gänseliesel ihre Schützlinge weiden ließ. Wie immer waren es dreihundert gesunde Tiere, denn nach altem Brauch lud der Graf Jahr für Jahr zum Martinstag ebenso viele Gäste ein, von denen jeder für sich allein eine Gans verspeisen durfte.

"Ich sehe, daß die Kreaturen gut gedeihen", lobte Böselieb das Gänseliesel, während sie wachen Auges durch die schnatternde Herde schritt. Es dauerte nicht lange, da hatte sie eine besonders ansehnliche Gans ausgemacht, die am rechten Fuß tatsächlich ein schmales weißes Band trug. Böselieb winkte Gänseliesel zu sich heran und sprach: "Für dieses gute Tier sollst du besondere Sorge tragen, deshalb hab ich es am rechten Fuß kennzeichnen lassen."

"Das ist mir noch gar nicht aufgefallen", bekannte das Mädchen. "Was hat es zu bedeuten, Gräfin?"

"Wie du siehst, ist diese Gans die prächtigste unter all den anderen. Fast könnte man meinen, sie sei von Adel. Daher soll sie als erste geschlachtet und für meinen Mann gebraten werden. Schütze sie daher vor dem Fuchs und führe sie nur zu den besten Kräutern und Quellen. Wehe dir, wenn du meinen Befehl mißachten solltest! Selbst die geringste Nachlässigkeit würde ich hart bestrafen." Gänseliesel versprach Gehorsam.

Als Böselieb fortging, blickte sie der Gräfin mit einem plötzlich aufkommendem Gefühl von tiefer Trauer und Verachtung nach. Weil sie dafür keine Erklärung wußte, schämte sie sich und begann schließlich zu weinen. In den folgenden Wochen tat sie aber alles, um dem Verlangen der Gräfin nachzukommen. Besondere Zuneigung faßte sie zu jener Gans, die durch ein weißes Band am Fuß gekennzeichnet war. Tier und Mädchen wichen kaum noch voneinander.

 

Stunden, Tage und Wochen gingen ins Land, ohne daß man ein Lebenszeichen vom jungen Grafen gefunden hätte. Während Böselieb deswegen voller Genugtuung war und heimlich triumphierte, verfiel ihr Mann immer mehr dem Trübsinn. Es kam zuletzt so weit, daß er seine Regierungsgeschäfte völlig vernachlässigte. Dadurch trat Unmut im Volk auf, und viele seiner Untertanen, selbst die Gelehrten, riefen nach einer starken Hand. Einige von ihnen argwöhnten gar, der Verschollene sei einem Fluch zum Opfer gefallen, der auf das ganze Land übergreifen könne. So kam es, daß sich der Graf schließlich zum Handeln gedrängt sah und seine Frau zu einem Gespräch bat.

"Meine teure Gemahlin", sprach er zu ihr, "das Schicksal hat uns eine harte Prüfung auferlegt. So, wie die Dinge leider liegen, müssen wir wohl für immer von unserem Sohn Abschied nehmen. Deshalb habe ich entschieden, am bevorstehenden Martinstag, wenn wir Bürger und Adel zum Gänseessen auf die Burg laden, meinen Nachfolger auszurufen."

"Bei aller Trauer, was für ein kluge Entscheidung!", lobte Böselieb. "Aber wer, mein lieber Gemahl, wäre würdig genug, um an deine Stelle gesetzt zu werden?", fragte sie.

"Ich komme auf einen Vorschlag zurück, den du selbst vor einiger Zeit gemacht hast. Unter den Umständen, die wir nicht ändern können, scheint er die beste Lösung zu sein. Laß daher alles herrichten, damit unsere Tochter am Martinstag mit ihrem Verehrer Hochzeit feiern kann. Dieser soll mein Nachfolger werden, außer..." Der Graf schwieg.

"Außer was?", fragte Böselieb geängstigt.

"Außer, unser verschollener Sohn sollte am Martinstag bis zum Glockenschlag zwölf Uhr zurück sein."

"Der Himmel möge uns diese stille Hoffnung erfüllen", antwortete Böselieb mit gesenktem Kopf. Dann ging sie eilig davon und wies alle Diener, Zofen, Knechte und das übrige Gesinde an, die bevorstehende Feier würdig auszurichten. Vor allem aber nahm sie ihre Köchin ins Gebet. "Meinem Mann soll ein ganz besonderer Braten vorbehalten sein. Die Gans dafür wirst du leicht erkennen. Sie trägt ein schmales weißes Band um ihren Fuß. Trage Sorge dafür, daß sie knusprig und würzig gerät!" Die Köchin versprach es.

In der Nacht vor dem großen Ereignis lag Gänseliesel bei ihren Tieren im Stroh und weinte bitterlich. Die Gewißheit, daß man im Morgengrauen allen ihren Schützlingen den Hals umdrehen würde, schmerzte sie zutiefst. Aber was konnte sie dagegen schon ausrichten? Mit düsteren Ahnungen schlief das Mädchen endlich ein. Da erschien ihr im Traum ein altes Weib. Sie hätte eine Hexe sein können, wenn nicht ihre Augen Weisheit und Güte ausgestrahlt hätten. "Gräme dich nicht, Gänseliesel", sprach die Alte. "Ich spüre genau, wie dir ums Herz ist. Darum will ich dir helfen. Zwar können nicht alle Gänse vor dem Schlachter bewahrt bleiben, denn der Tod ist ein Teil des Lebens und gehört nun mal dazu. Eines der Tiere jedoch soll gerettet werden. Ich spreche von jener Gans, die dir besonders lieb geworden ist. Sie trägt, wie du weißt, ein schmales weißes Band um ihren rechten Fuß."

"Das hat mich schon seit langem gewundert. Ist etwas Besonderes mit ihr, daß ausgerechnet sie einen Vorteil haben soll?", wollte Gänseliesel wissen.

"Ja, diese Gans hat einen Unterschied zu allen anderen: Der verwunschene Sohn des Grafen verbirgt sich nämlich unter ihrem Federkleid! Der Zauber geschah auf Bitten der Gräfin, die vorgab, ihren Sohn schützen zu wollen." Nach diesen Worten erfuhr Gänseliesel den ganzen Betrug in allen Einzelheiten. "Was könnte ich denn tun, um in letzter Sekunde Rettung zu bringen?", fragte das Mädchen. "Die Zeit drängt. Im Osten dämmert es bereits, der Schlachter wetzt sein Messer."

"Höre mir aufs Wort genau zu", bekam sie zur Antwort. "Zunächst mußt du die Gans an einem sicheren Ort verbergen. Später, wenn alles zum Hochzeitsmahl aufgetragen ist, wird der Gräfin auffallen, daß ein Braten zu wenig auf der Tafel liegt. Dann kommt deine Stunde! Du holst die Gans aus ihrem Versteck, trittst mit ihr vor den Grafen und küßt sie auf den Schnabel. Dadurch kannst du den Zauber auflösen, allerdings nur unter einer Bedingung."

"Ich will sie erfüllen. Worin besteht sie?"

"Dein Kuß muß, wie jede echte Liebe, einem reinem Herzen entspringen. Nur dann ist Erlösung möglich." Nach diesen Worten verschwand die Traumgestalt. Gänseliesel erwachte darauf und verbarg die Gans in einem geheimen Versteck. Alle übrigen Tiere wurden am Morgen geschlachtet, gerupft und gebraten. Ihr Blut rann in Strömen über den Burghof, ihre Federn trieb der Herbstwind vor sich her. Bald darauf duftete es köstlich aus der Küche.

Hochzeit und Gänseessen waren für die Mittagsstunde angesetzt. Im Rittersaal drängten geladene Bürger, Gelehrte und Adelige um die Tafel, wo der Graf mit seiner Frau und dem Brautpaar einen Ehrenplatz einnahm. Als die Turmuhr auf die zwölfte Stunde zuging, wurde aufgetragen. Jeder bekam seine Gans, nur der Graf nicht. Da ließ Böselieb nach der Köchin rufen und stellte sie zur Rede. Die geängstigte Frau rechtfertigte sich: "Verzeiht mir

Gräfin, aber unter den geschlachteten Gänsen fand ich keine, die am rechten Fuß gekennzeichnet gewesen wäre. Was hätte ich tun sollen?" Unruhe kam unter den Gästen auf, der Graf runzelte seine Stirn und das Gesicht seiner Frau lief feuerrot an.

"Schafft mir das Gänseliesel herbei", schrie Böselieb ihren Knechten voller Zorn zu. "Ich vermute, die Magd wird den besten Braten für sich selbst genommen haben. Oder, was noch weitaus schlimmer wäre, der Fuchs hat ihn geholt." Daraufhin kam das Gänseliesel an die festliche Tafel, im Arm die verwunschene Gans. Sie trat dicht an den Grafen heran, hob das Tier empor und küßte es von ganzem Herzen auf seinen Schnabel, so daß im Nu alle Federn von ihm abfielen und der verschollene Sohn des Grafen vor der Menge stand. Gesund und stattlicher, als je zuvor. Böselieb sah es mit Entsetzen. Weil ihr keine andere Wahl blieb, mußte sie ihren Betrug vor allen Versammelten eingestehen.

Daraufhin kannte der Graf kein Erbarmen und ließ Böselieb bei Wasser und trocken Brot in den Turm werfen, wo sie den Rest ihres Lebens für ihren Frevel büßen mußte. Dann sprach er zu den Gästen: "Entsetzliches ist geschehen - aber auch ein Wunder! Aus Freude und Dankbarkeit darüber wollen wir uns diesen Tag nicht verderben lassen und trotzdem eine Hochzeit feiern, eine andere freilich als vorgesehen. Wenn mein Sohn und Gänseliesel es wollen, dann sollen sie auf der Stelle zum Paar werden und bis zum Ende ihrer Tage vereint bleiben."
Nach diesen Worten fielen der junge Graf und die Gänsemagd einander in die Arme, gelobten sich Treue für alle Zeiten und besiegelten den Bund fürs Leben mit einem inniglichen Kuß.

Später regierten sie Stadt und Land mit Umsicht und Weisheit. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch.

 

* * * * *

 

Zur ewigen Erinnerung an den glücklichen Ausgang der Geschichte wurde dem Gänseliesel auf dem Marktplatz der Stadt ein Denkmal errichtet. Wer dort vorbeikommt, hat seinen Spaß daran, und schon manchem war danach, zu der zierlichen Gestalt über dem Brunnen emporzusteigen, ihr einen Blumenstrauß an die Seite zu stecken, und sie herzlich zu küssen. Obwohl das eigentlich bis auf den heutigen Tag verboten ist.

 

____________________________________________

 

© Alle Rechte beim Autor Hans - A. Piper, Theaterstraße 22, 37073 Göttingen

 

zurück zur Eingangsseite                                           zurück zum Autor